I did wrong

admin am 4. September 2014 um 10:21

Regen, Regen und schwarz, nicht einmal Blitze die zucken, kein Licht. Es ist Nacht und Frank sitzt wie gewöhnlich an einem Samstag zu später Stunde in seiner Lieblingskneipe. Mit seinem besten Freund, ein paar Leuten, einer seiner besten Freundinnen und eigentlich auch mit der Belegschaft. Denn die gesellt sich immer wieder dazu, wann immer Zeit für eine kleine Pause ist, oder wann immer sie sich die Zeit für eine Zigarette nehmen. Eigentlich sitzt Frank nur hier, mit dem Kopf ist er ganz woanders. Er ist im gestern. Er hat noch das Gefühl ihren Geruch in der Kneipe zu verspüren. Er sitzt in der anderen Ecke des Raumes und kann auf den Tisch schauen, wo er gestern mit ihr saß. Sie waren auf einem Konzert, danach in der Kneipe, sie haben getanzt, gelacht, heimlich und still mitgesungen, weil sie sich voreinander schämten, sie haben stundenlang geredet und auch die Belegschaft hat sich nicht wie sonst dazu gesetzt. Sie saßen dort an dem anderen Tisch, als er tief in sich gespürt hat, dass er diese Frau liebt. Nach der Kneipe sind sie zu Frank. Vor der Tür haben sie sich noch eine halbe Stunde weiter unterhalten, er hat ihr erzählt, dass bald das Haus eingerüstet wird und er echt keine Lust darauf hat, dass dann ständig der Baulärm alarm macht, weswegen er dann wohl doch häufiger ins Büro kommen wird und von dort arbeiten wird. Sie hat ihn angegrinst und sagte, dass sie sich dann immerhin sehen würden. Frank wusste nicht was ihm das sagen sollte, er war zwar verliebt in sie, nein er liebte sie, aber er konnte nicht mit ihr zusammen sein. Sie hat einen Freund und da stellt man sich nicht dazwischen. War es wirklich das worauf sie hinaus wollte? Er wollte es sich nicht vorstellen. Er konnte sich das nicht vorstellen. Außerdem hatte Frank noch dazu den Vorsatz niemals etwas mit einer Arbeitskollegin anzufangen. Das kann nur schief gehen, hat er sich immer wieder eingeredet. Selbst wenn die Möglichkeit da war, er hat sie immer ausgeschlagen. Frank versinkt tiefer, wie er da gestern mit dieser Frau vor seiner Haustür steht. Er wollte sie noch flüchtig umarmen, ihr Auto stand direkt vor der Tür, sie wollte heimfahren. Er schaut sie verlegen an, deutet die Umarmung an, sie erwidert, ihre Arme umschließen sich, ihre Körper sind sich ganz nah und er vernimmt ihren Geruch. Sie umarmen sich, einen Moment zu lang für eine Verabschiedung, Frank kann gerade nicht loslassen. Sie will anscheinend nicht loslassen. Als die beiden sich voneinander lösen und sich dadurch ihre Gesichter nahe kommen passiert das, was nicht passieren sollte. Sie küsst ihn. Erst ganz zart, er lässt es geschehen, dann mit Nachdruck. Frank küsst sie. Frank öffnet die Lippen und sie ihre. Sie küssen sich, lang, feucht und immer heftiger. Frank fragt wider sein besseres Wissen, ob sie noch mit hoch kommen möchte.

Frank wird wieder ins jetzt katapultiert, als Tom ihm auf den Rücken schlägt, er hat wohl mal wieder eine seiner Witze vom Stapel gelassen, alle lachen, nur Frank nicht. Das hat Tom wohl wahrgenommen. Frank schaut ziemlich dumm aus der Wäsche, was Tom dazu nötigt ihn damit aufzuziehen, dass der Witz ihm wohl doch zu sehr unter der Gürtellinie war. Frank erwidert, dass ihm der Schlag auf den Rücken einfach nur klar gemacht hat, was für ein Penner Tom ist, was aber auch einfach das Gefühl sein könnte, dass er dringend mal auf die Toilette muss. Als er von der Toilette wieder kommt, fängt ihn unterwegs Jana ab. Franks weibliches Pendant zu Tom, eigentlich ist sie genauso wie er, nur dass sie ihre Gefühle zeigen kann. Dafür liebt Frank sie ungemein. sie hält ihn im Gang von Toilette zu Gastraum ab.

“Frank, ich weiß ganz genau, dass du den Witz von Tom überhaupt nicht gehört hast”
“Bitte was? Ich saß direkt neben ihm, wie soll ich den Witz da nicht hören”
“Weil du nicht da warst”
“Jana, ich saß direkt neben ihm…”
“Das meine ich nicht, das weißt du, du warst wieder in dir, auf Autopilot”
“Jana, ich weiß nicht was du meinst”
“Doch das weißt du sehr genau, es ist auch okay, wenn du zwischendurch aussteigst, aber wenn etwas ist, bitte sprich mit mir”
“Hasipups, mach dir keine Sorgen, es ist alles gut”

Jana funkelt ihn nochmal mit ihren dunkelbraunen Knopfaugen an, lässt ihn aber passieren. Frank geht an der Bar vorbei und holt für sich und Tom noch jeweils ein Bier, für Jana einen dieser billigen Rotweine, die sie hier ausschenken. Als er zurück an den Tisch kommt, wundert er sich tatsächlich, dass schon wieder neue Menschen mit dort sitzen. Er ist immer wieder darüber verwundert, wie das passiert. Da sitzen auf einmal einfach fremde Menschen mit am Tisch und unterhalten sich mit, als wenn sie schon immer dazu gehörten. Frank mag das, auch wenn ihm dabei einfällt, dass das gestern nicht so war. Er bemerkt noch, dass er schon wieder darüber nachdenkt.
Dann hat ihn die gestrige Nacht wieder eingeholt. Nachdem Frank und sie Händchen haltend nach oben in seine Wohnung gegangen sind. Frank war wie in Trance. Oben angekommen, nahm sie ihn die Schlüssel ab und ging vor in die Wohnung. Er machte das Licht im Flur an, welches sie sogleich wieder löschte und ihn in das Wohnzimmer zog, in dem das Licht einer Straßenlaterne diffuses Dunkelheit erzeugte. Er mochte wie sie das machte und als sie es sich auf der Couch bequem gemacht hat, zündete er ein paar Kerzen an um sie besser sehen zu können und brachte noch eine Flasche Wein mit. Es war inzwischen zwei Uhr in der Nacht und er war mit ihr bei sich. In seinem Wohnzimmer passierte alles wie von selbst. Sie sagte nicht nein zum Wein, Frank hingegen schon, noch ein Wein und er wäre wahrscheinlich vor Aufregung gestorben. Sie setzten sich dicht beieinander und sprachen einfach weiter. Eine Stunde verging, was keiner von beiden bemerkte. Eine zweite Stunde verging…. Irgendwann nahm sie seine Hand, zögernd nahm Frank ihre. Sie berührten sich, Körper umschlängelten sich, streichelten sich und genossen einfach die Nähe. Währenddessen redeten sie immer weiter, unterbrochen von heftigen Küssen.

Unterbrochen von einem seitlichen Knuff kommt Frank wieder in das Zweifall, Jana hat ihn als sie von der Toilette kam und das volle Weinglas erblickte aus dank umarmt. Das brachte Frank wieder ins jetzt. Jana beugt sich zu ihm runter, auch wenn das bei ihrer Größe eigentlich fast nicht nötig war, und flüstert ihm ”du warst ja schon wieder weg” ins Ohr.
“Und ich hoffe du hast dir die Hände gewaschen” sagt Frank laut, so dass es alle mitbekommen.
Jana schaut gekünzelt verärgert, drückt ihm dann aber doch einen Kuss auf die Stirn und setzt sich wieder an ihren Platz. Wieder so ein Phänomen hier im Zweifall. Selbst wenn Leute aufstehen, zur Toilette, zur Bar, oder sonst wohin gehen und in der Zeit neue Leute dazu kommen, irgendwie setzen die sich nie auf den Platz der anderen, sondern auf einen freien Platz am Tisch, oder holen sich einen Stuhl oder sogar einen Tisch dazu. Frank liebt es mit Jana und Tom hier zu sitzen, oftmals bis in die Morgenstunden, bis es draußen wieder hell wird.

Frank schaltet wieder auf Autopilot, bis es draußen wieder hell wird geht ihm nochmal durch den Kopf, als es heute Morgen hell wurde, ist sie gefahren. Nach einer Nacht der Nähe, sie sind zwischendurch auf der Couch zusammen weggedöst. Sie haben gekuschelt. sie haben geknutscht. Sie haben gefummelt. Sie haben geredet, wann immer sie wach waren, Frank ist sich sogar sicher, er hat manchmal sogar noch geredet, selbst wenn sie weggedöst ist und umgekehrt. Diese Frau, dieser Intellekt, diese Gedankengänge, diese Lippen, verdammt dieser Körper. Als sie gefahren ist, war Frank noch wie in Trance. Er hat sich einen Kaffee gemacht, seine geliebte Stereoanlage an geschalten und völlig entgegen seinem allgemeinen Musikgeschmack das Unplugged Album von den Fanta4 aus der Sammlung gefischt und sich “Tag am Meer” angemacht.

Bei der Passage “du spürst das Gras hier und da bewegt sich was es macht Dir Spass” schläft Frank mit der Tasse Kaffee auf der Brust, auf der Couch liegend, ein.

Im Morgen eingeschlafen und im Zweifall aufgewacht. Tom hält seinem Gegenüber eine zusammengerollte Deadline vor die Nase und sagt “Sprechen sie in dieses Mikrofon solange die rote Lampe leuchtet”.
Frank lacht lauthals, als Toms gegenüber in verdutzt anschaut, Jana im “sag Onko” zuflüstert und er wie als wenn er nicht anders könnte “Onko” sagt. Tom krümmt sich ebenfalls vor lachen und hält Frank die Zeitschriftenrolle hin “Sprechen sie in dieses Mikrofon solange die rote Lampe leuchtet”.

Doch Frank winkt ab.

“Tom wir sind weder in den Achtzigern, noch in einem Sven Regener Roman”

Jetzt ist es Jana die lauthals loslacht, doch klingt es bei ihr anders, als bei Frank und Tom, es ist lieblich, zuckersüß und zum dahinschmelzen. Frank wundert sich immer wieder, wie er einen Menschen so toll und sexy finden kann, aber sich niemals vorstellen könnte, mit ihr zu schlafen. Im hier und jetzt wieder voll und ganz angekommen, fällt Frank gar nicht auf, dass er schon seit Stunden nicht mehr auf sein Handy geschaut hat. Er wird ohnehin immer wieder belächelt, dass er noch immer so ein altes Handy hat, mit richtigen Tasten und sowas, noch keins dieser tollen neuen Smartphones, mit denen mach doch alles viel einfacher machen kann. Aber genauso wird er auch für seinen alten Röhrenverstärker immer wieder belächelt. Frank schätzt manchmal die einfachen Dinge, solange sie wirklich gut sind. Frank bekommt Hunger. Zum ersten Mal an diesem Tag. Abgesehen von einem notdürftigen verspäteten Frühstück, nachmittags um drei, hat er noch nichts gegessen. Er steht auf, beugt sich über den Tisch zu Jana, drückt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt in einem Marlon Brando Ton:

“Komm Baby, wir müsssen vögeln, oder zumindest eine Pizza essen gehen!”
Worauf sie gekonnt antwortet:
“Dein Ego stellt Checks aus, die dein Körper nicht einlösen kann”

Oh mein Gott denkt sich Frank, sie zitiert Top Gun. Der Mann, der sie mal ehelichen darf ist echt ein Glückspilz. Jana schiebt nach einer perfekten Kunstpause nach:

“Also nehme ich die Pizza”

Tom kann nicht mehr vor Lachen. Die Fremden an unserem Tisch trauen ihren Augen und Ohren nicht. Als Jana und Frank vor die Tür treten und nebenan an den kleinen Bauwagen der zur Pizzabude umgebaut wurde wandern, hält Jana ihn nochmal fest.

“Sag mir bitte was mit dir los ist, da drin warst du völlig in dir versunken und als du wieder auftauchst bist du nicht melancholisch wie sonst, sondern haust Tom und mir Sprüche um die Ohren”
Frank schaut ihr ernst und fest in die Augen “Ich bin was ich bin, einer muss es sein!”
Jana haut ihm mit der Faust gegen die Brust “Frank, jetzt mal ehrlich, irgendwas ist los mit dir und es ist irgendwas komisches und das du Königreich der Himmel zitierst bestärkt mich nur.”

In dem Moment spürt Frank sein Handy in der Hosentasche vibrieren. Er fischt es heraus und sieht, dass es eine SMS von ihr ist. Er überfliegt die Worte, doch sie Brennen sich in seine Netzhaut.

“Frank, ich bin ich dich verliebt. Das weiß ich. Aber ich kann Lars nicht verlassen. Ich liebe ihn. Der Abend, die Nacht, das alles war so wunderschön, das will ich wieder, jetzt, morgen, nur nicht im Büro, kann ich morgen zu dir kommen?”

Das war es. Schlag auf die kurze Rippe, danach auf den Solarplexus, die Luft bleibt weg, Sternchen vor den Augen, Knoten im Magen, Kamillentee mit Honig, hauchzarte Berührung und das Gefühl eines frisch bezogenen Bettes. Alles auf einmal. Frank wankt. Jana hält ihn.

“Was ist los?”

Frank weiß nicht was er sagen soll.

“I did wrong”
“Was meinst du damit? Was hast du falsch gemacht”
“Ich habe mich verliebt, Jana, ich liebe”
“Aber das ist doch toll! Frank, das ist nichts schlimmes, das musste ja mal wieder passieren”
“Ja, nein, ja, aber in die Falsche”
“Frank, sie ist nur Falsch, wenn du sie zu etwas Falschem machst”
“Jana, Schatz, du kennst meine zwei Grundsätze in der Liebe”
“Du meinst, niemals mit Toten und niemals mit Tieren?”
“Ja die auch, aber die meine ich nicht”
“NEIN!”

Frank und Jana beschließen, Pizza sein zu lassen und stattdessen spazieren zu gehen. Es ist angenehm warm. Frank erzählt ihr alles. Jana hört ihm zu. Bei manchen Stellen freut sie sich. Bei vielen Stellen ist sie stinkwütend auf Frank, bei der Sache mit dem Geruch den er heute noch in der Kneipe verspürt hat, verdreht sie die Augen. So geht es Frank mit sich selbst auch. Nachdem die Beiden drei Stunden durch die Gegend gelaufen sind, kehren sie im Nachtcafe ein. Beide bestellen sich einen Kaffee, beide bestellen sich einen Bagel, beide den mit Lachs und Rucola. Für Jana ist dort zu viel Lachs drauf, für Frank zu viel Rucola. Ohne ein Wort über die Bagel zu verlieren, schnappt Frank sich ihren und eine Gabel. Pult damit etwas Lachs ab und bei sich etwas Rucola und verteilt Beides neu auf die Bagel. Sie reden im Nachtcafe immer weiter. Er verspricht Jana, die Sache zu klären. Er zückt sein Handy und schreibt ihr “Morgen ist gut. Wir müssen reden und mit reden meine ich reden. 15 Uhr bei mir!” so abgeschickt. Jana schaut ihn ganz verdutzt an.

“Dir tut das echt leid, was da passiert ist, oder?”
“Nein. Ja. Ach was weiß ich.”

Sie schlägt ihm wieder gegen die Brust. Nachdem sie aufgegessen haben, spazieren sie wieder los. Jana möchte gerne heim. Frank bringt sie bis vor die Haustür, drückt, keine Sekunde zu lang. Sie kneift ihm nochmal in den Arm.

“Wenn was ist, du weißt ja wen du anrufen kannst”
“Ja, aber Tom geht meistens nicht ran”
“Arschloch” presst sie zwischen ihrem Grinsen hervor und schließt die Tür auf und verschwindet.

Als Frank wieder ins Zweifall kommt, sitzt Tom dort allein mit vier fremden Frauen. “Man man man” geht es Frank durch den Kopf “ich wüsste echt zu gern wie er das macht”. Frank holt zwei Bier, sich ein Becks, Tom das Einheimische. Aber auch wenn Tom mal wieder lauter fremde Menschen um sich gebracht hat und wieder seine Späße macht und obwohl Frank sein Lieblingsbier vor sich hat, stimmt irgendwas nicht. Frank fühlt sich müde. Aber nicht wie sonst fahl und müde, sondern wohlig müde. Ein Gefühl, das er eigentlich seit Jahren nur kannte, wenn eine Frau im Spiel war. Er stößt mit Tom an.

“Wo hast du denn Jana gelassen?”
“Es hat sich herausgestellt, dass mein Körper doch stärker ist als mein Ego”
“Du hast sie umgebracht?”
“Nein, nur nach Hause, sie pennt wahrscheinlich schon.”

Frank ext sein Bier und verabschiedet sich seinerseits. Das Gefühl der wohligen Müdigkeit will er ausnutzen. Außerdem möchte er morgen nicht aussehen wie ein Wrack. Also zumindest nicht mehr als sonst. Häufig genug stellt er auch so schon immer wieder fest, dass ein teurer Anzug nicht über Schlafmangel und einhergehend Augenringen und fahler Gesichtsfarbe hinwegtäuschen kann. Er flaniert die zehn minütige Strecke heim, ohne auch nur einen trüben Gedanken. Daheim duscht er, wickelt sich ein Handtuch um, geht ins Wohnzimmer um aus der Plattensammlung  eine bestimmte Platte raus zu suchen. Geht ins Schlafzimmer, wo er sich noch immer ärgert, dass er hier nur eine so kleine Anlage stehen hat, legt die Scheibe auf, setzt behutsam die Nadel auf, legt sich aufs Bett dreht langsam per Fernbedienung die Lautstärke am Verstärker hoch und hört das mehrminütige Intro von Ritchie Blackmore an der Gitarre, als der Song durch die Klänge der Hammond Orgel erkennbar wird und ihm das Kribbeln den Rücken herunter läuft verspürt Frank tiefe Glückseligkeit und schläft vollkommen beseelt zu den wunderbaren Klängen von Child in Time ein.

Als er aufwacht ist draußen hellster Tag. Durch die weißen Vorhänge im Schlafzimmer dringt das Sonnenlicht und durch die Außenkanten strahlt ihm die Sonne direkt ins Gesicht und erwärmt es. Es ist gerade elf Uhr, also noch vier Stunden bis sie kommt. Frank putzt sich die Zähne, cremed sein Gesicht ein, wählt seine Kleidung mit bedacht. Es sind Laufsachen. Er geht eine kleine Stunde laufen, einmal durch den Stadtwald, hoch bis zu dieser wunderschönen burgähnlichen Villa, herunter bis zum Zoo, rund um die Wiese wo im Winter die Kinder rodeln, wenn denn mal Schnee liegt, an der Uni vorbei, noch ein paar Meter an den Eisenbahnschienen entlang und dann wieder heimwärts. Daheim angekommen geht Frank duschen, setzt sich Kaffee auf, geht gegenüber zum Kiosk um belegte Brötchen zu holen und frühstückt in aller Ruhe während am Fernseher irgendjemand im Rahmen einer Soap so etwas wie eine schauspielerische Leistung versucht darzubieten. Das geht natürlich in die Hose.
Aber Frank ist sowieso nicht wirklich beim TV-Programm. Trotz aller Ruhe die er am Morgen noch verspürt hat, geht er nun im Kopf alle Möglichkeiten durch, wie er das Gespräch mit ihr führen sollte. Wie ein Schachspieler versucht er alle Optionen und Reaktionen abzuwägen. Doch leider gibt es für solche Gespräche keine so starren Muster, es gibt mehr mögliche Reaktionen als es sie beim Schach gibt. Seine Gedanken drehen sich. Als es an der Tür klingelt schaut Frank erschrocken auf die Uhr. Sie ist pünktlich. Aber er nicht bereit.
Er öffnet die Tür und als sie hoch kommt, weiß er schon nicht mehr, was er mit ihr besprochen wollte. Es ist wieder da. Dieses komische Gefühl der Vervollkommnung durch eine andere Person: Liebe. Nachdem sie sich die Jacke ausgezogen hat, verlieren Frank und sie kaum ein Wort und machen nahtlos damit weiter, womit sie zwei Tage zuvor aufgehört haben. Frank verliert nicht mehr ein Wort, nicht einmal einen Gedanken bezüglich dessen was er mit ihr eigentlichen Besprechen sollte. Als es draußen dunkel wird, sagt sie, dass sie wieder fahren muss. Damit er es nicht merkt. Schlag auf die kurze Rippe und ein doppelter Treffer auf den Solarplexus. Sie küssen sich noch einmal ausgiebig, sie nimmt ihre Jacke und geht. Kein Wort zum Abschied. Sie geht einfach. Frank laufen die Tränen. Was hat er getan?

Er schaut auf sein Handy, Jana hatte ihm geschrieben. Sie fragt ob alles gut lief. Frank schämt sich und traut sich nicht ihr zu antworten.

Neun Wochen lang läuft es mit ihr so. Jedes Mal nimmt sich Frank vor es zu beenden, doch sieht er sie, kann er es nicht. Er sieht sie nahezu täglich im Büro. Kann ihr eigentlich nicht aus dem Weg gehen. Im Büro tun sie so als wäre da nix. Ihr Freund weiß auch von nix. Natürlich nicht, sonst wäre er wahrscheinlich nicht mehr ihr Freund. Jedes Mal wenn Frank sich Abends oder am Wochenende mit ihr trifft, traut er sich danach nicht mehr ins Zweifall, aus Angst Jana über den Weg zu laufen, ihr sagen zu müssen, dass er es noch immer falsch macht. Jedes Mal wenn sie abends wieder fährt, laufen bei Frank die Tränen.

Nach neun Wochen sagt sie Frank, dass sie beruflich eine Zeit lang in eine andere Stadt müsse. Aber am Wochenende hier wäre. Das er und sie sich aber nicht mehr so häufig sehen könnten.

Es vergehen sieben Wochen. Anfangs haben Frank und sie sich noch nahezu stündlich SMS geschrieben und abends zumindest noch kurz telefoniert. Sie hatte an den Wochenenden keine Möglichkeit, dass sie sich sehen. Frank traut sich wieder häufiger ins Zweifall. Er redet sogar mit Jana über seinen Fehler, sie verurteilt ihn nicht, klagt ihn nicht einmal an. Tom weiß von alle dem noch immer nichts. Auch nicht fair, seinem besten Freund gegenüber. In Woche acht räumt sie Frank ein paar Stunden ein. Als sie vor seiner Wohnungstür steht, sieht Frank sie an und fragt:

“Warum?”
“Was meinst du?” fragt sie zurück
“Warum bist du hier?”
“Weil ich dich liebe”
“Warum bist du dann noch immer mit Lars zusammen?”
“Weil ich ihn auch liebe”
“Warum tust du ihm dann so weh?”
“Aber er weiß es doch nicht”
“Warum tust du mir dann so weh?”
“Frank….”
“Nein, stop, warte. Marie, du weißt, dass es so nicht geht. Dass wir nicht zusammen sein können. Das du Lars das nicht antun kannst. Dass ich es mir nicht mehr antun kann. Das wir es dir nicht mehr antun können. Das es nicht Fair, keinem gegenüber, ist. Aber ganz besonders Lars nicht, ich kann ihm das nicht antun, nicht mehr, obwohl ich ihn nicht einmal kenne, obwohl er mich nicht einmal kennt, obwohl ich dich liebe. Es ist falsch und wir beide wissen das”

Sie drückt Frank einen Kuss auf den Mund, dreht sich um und geht. Wieder ohne etwas zu sagen.

Als Frank sich sicher ist, dass sie weg ist, zückt er sein Handy. Er tippt “ich habe es getan” und schickt ab. Keine halbe Stunde später steht Jana vor ihm. Frank ist fahl, seine Wangen wirken wie eingefallen. Noch im Türrahmen nimmt sie  Frank in den Arm und hält ihn einfach fest.

Sie fragt nichts. Sie sagt nix. Sie zieht ihn mit sich. Herunter auf die Straße. Sie zückt den Zweitschlüssel seines Wagens, schließt auf, setzt ihn auf den Beifahrersitz, platziert sich auf dem Fahrersitz und fährt mit ihm los. Frank ist noch immer nicht bei sich. Sie fahren zu ihr. Noch immer hat sie kein Wort gesagt. Noch immer hat Frank kein Wort gesagt. Frank setzt sich auf die Couch. Sie sich neben ihn. Nach einer Weile schubst sie Frank um. Frank fällt zur Seite in die Kissen. Ihm laufen die Tränen. Er weiß ja dass es richtig war. Er weiß, dass er nicht wegen ihr weint, er weiß, dass er sich in den letzten Wochen von ihr entfernt hat, sofern er ihr jemals wirklich nah war, doch, er weiß, dass er ihr auch wirklich nah war. Nah auf Zeit. Aber wegen all dem weint er nicht. Eine Sache hat sich bei ihm ins Gehirn geätzt “I did wrong”.

Jana steht auf und geht zum Telefon, auswendig wählt sie eine Nummer, geht aus dem Raum und kommt mit einem ernsten Mund aber strahlenden Augen zurück. Frank sieht nur diese Augen. Er fragt, warum sie so strahlt. Sie bleibt ernst.

“Wirst du gleich sehen”

Frank bleibt weiter auf der Couch liegend. Jana bewirft ihn mit Kissen. Frank stört sich nicht daran. Die Tränen werden aber weniger. Eine angemessene Zeit später klingelt es an der Tür. Jana macht auf und kommt dick bepackt mit Essenschachteln aus Styropor wieder ins Wohnzimmer. Sie hat etwas zu Essen bestellt. Für Frank ein extra scharfes Vindaloo und für sich ein mildes Kichererbsencurry, für beide zusammen eine Portion Samosas und Papadams. “Diese Frau weiß wie man einen Mann auf andere Gedanken bringt” denkt sich Frank. Mit dem Essen kommt auch wieder Leben in Frank, mit seinem Lieblingsessen kann man ihn einfach immer wieder aufbauen. Als beide aufgegessen haben, verschwindet  Jana mit den leeren Schachteln, doch statt gleich wieder zu kommen, verbringt sie für den Weg von der Küche zum Wohnzimmer zu viel Zeit im Flur der Wohnung. Frank denkt sich dabei nicht viel. Wahrscheinlich muss sie einfach mal wieder ihre DVD-Sammlung begutachten. Als sie wiederkommt, versteckt sie eine DVD vor ihm. Schaltet Fernseher, die Dolby-Surround Anlage und den Blu-ray Player ein. Noch immer versteckt sie die DVD. Legt die Disc ein, setzt sich in die Ecke der Couch und startet den Film.

Schon bei den ersten Tönen von Costellos “She” erkennt Frank den Film. Sie macht wirklich Notting Hill an. Die Frau kennt Frank einfach zu gut. Einen seiner ewigen Top 10 so passend auszuwählen, das können nur besondere Menschen. Als Frank nicht recht weiß was er machen soll, streift Jana ihre langen dunkelbraunen Haare über ihre schmalen Schultern nach hinten und dreht sie zusammen, so dass sie sich nicht gleich wieder selbständig machen, dann zieht sie Frank zu sich. Legt seinen Kopf in ihren Schoß, so dass er den Film noch sehen und sich trotzdem lang machen kann. Während der Film läuft und Frank (wie immer bei diesem Film) immer wieder Tränen in die Augen kommen, streichelt sie seinen Kopf. Als Anna Scott wieder in den Buchladen von William Thacker kommt und Franks liebsten Satz loslässt “Aber vergiss nicht…..ich bin auch nur ein Mädchen, das vor einem Jungen steht und ihn bittet es zu lieben!” schauen sich Jana und Frank an und sprechen ihn gemeinsam, synchron mit. In dem Moment haben Jana und Frank die Tränen in den Augen.
Frank beugt sich auf, Jana beugt sich herunter, ihre Gesichter kommen sich näher, ihr Lippen berühren sich, es knistert, in diesem Moment weiß Frank, was Liebe ist. Bedingungslos, einfach, ehrlich.

Als sich der Kuss löst, versteht Frank noch immer nicht.

“Aber…”
“Psssst”
“Ich habe etwas Falsches getan”
“Psssst”

Laufen

admin am 9. Mai 2011 um 21:25

Erst euphorisch,
fest entflammt,
dauergerannt!

Dann versiegte,
schnell verzagte,
das Laufen in das ungemache.

Zwischendurch ein bisschen Laufen,
ohne im eigenen Schweiß zu ersaufen.

Nun neue quälerei,
der feste Wille ich bleib dabei!

Ja ich laufe wieder!

Tag 3

admin am 6. April 2011 um 09:34

Läuft!

Nicht ganz so gut wie erhofft. Aber schon besser als die letzten beiden Tage.
Abwarten. Ich traue dem Braten noch nicht.

Tag 2

admin am 5. April 2011 um 08:46

Tag 2

Mir geht es schlecht!

Ich habe die Nacht Schweißausbrüche gehabt, habe unruhig geschlafen, musste zwischendurch sogar aufstehen!
Tag 1 an sich lief auch nicht unbedingt besser. Ich musste gestern Nachmittag doch noch eine rauchen.
Das war es dann aber auch. Eine weitere Zigarette. Ohne dem ging es gar nicht. Ich hatte Ohrensausen. War aggressiv.
Habe meine Kollegen angepampt. Ich musste eine rauchen. Ich gebe es zu. Aber danach war ich gestern clean!

Außerdem habe ich diese Email an meine Kollegen geschrieben:

______________________________________

Hallo Zusammen,

auch wenn es komisch ist: Aber ich möchte mich präventiv schonmal für Patzigkeit, Nervösität und Fahrigkeit in den nächsten Tagen entschuldigen.
Ich versuche gerade das Rauchen aufzugeben und habe gerade schon gemerkt, was die „Entzugserscheinungen“ anstellen können.
Ich hoffe das halbwegs im Griff zu bekommen. Aber wenn ihr was abbekommt, drückt mir einfach nen Spruch!

Gruß
Andi

______________________________________

Kam ziemlich gut an. Ich hoffe ich halte durch! Es ist Tag 2! Drückt mir die Daumen!

Tag 1

admin am 4. April 2011 um 10:04

Hallo Zusammen,

da ich den Blog in letzter Zeit kaum nutze, habe ich mir gedacht, dokumentieren wir hier doch mal.
Ich habe mir gestern Abend vorgenommen ab heute nicht mehr zu rauchen. Entsprechend ist Tag 1.
Gut, hat jetzt noch nicht so mega geklappt. Denn die letzten zwei Zigaretten in meiner angebrochenen Schachtel habe ich heute morgen noch geraucht.
Das ist nun aber rund 3 stunden her. (Und das ist ja schonmal was!)
Das soll es gewesen sein. Leidlich spüre ich jetzt schon wieder das Verlangen nach einer Zigarette. Ich weiß genau, die nächsten Tage werden die Hölle. Sogar die nächsten Wochen! Ständig dieses Verlangen und die Lust auf so nen Scheiß Glimmstängel! Pah! Jetzt geht es wieder rund.
Ob ich scheiter oder nicht, ich möchte täglich was dazu schreiben. Auch wenn ich scheiter!
Ich hoffe mich damit genügend unter Druck setzen zu können, dass ich mir die Schmarch des rückfällig werdens nicht geben muss und dann auch noch das gesamte Internet davon lesen kann!
Ich bin gespannt!
Meine Freundin ist eingeweiht!
Nun kann es los gehen!

Ich möchte ne Zigarette! Hat jemand eine für mich?
Ach verdammt! Nein ich möchte keine!

Drückt mir die Daumen! Bitte!

Gruß
der Andi

Halbzeit

admin am 27. Juni 2010 um 20:35

Hellas Zusammen,

wie einige von euch bereits wissen, bin ich gerade auf der wunderbaren Insel Karpathos. Was soll ich sagen?

Wetter toll, Strand toll, Essen toll?

Leider ist dem nicht ganz so.

Den Strand habe ich bis heute noch nicht gefunden (und ich bin nun fast eine Woche hier) und das Essen, nunja, das Essen lässt zu wünschen übrig. Immerhin ist das Wetter wirklich toll. Zu allem Überfluss plagt mich seit meinem Anreisetag eine Erkältung.

ABER: Mir geht es echt gut hier. Ich wohne in einer wirklich kleinen Kleinstadt (ich bin mir nichtmal sicher ob man sie schon Stadt nennen darf), ein Restaurant, eine Kirche (deren Messen Sonntagsmorgens per Lautsprecher ins Dorf gebrüllt werden) und ein Supermarkt (der streng genommen eher ein Kiosk ist). Aber es ist genau das was ich wollte!

Es gibt hier so gut wie keine Touristen und selbst mein 40 Zimmer Hotel ist gerademal zu einem Achtel belegt. Man hat unendliche Ruhe und diese genieße ich auch.

Eigentlich hat sich mein Zweck dieser Reise schon erfüllt. Ich wollte mal wieder runter kommen und in aller Ruhe zu mir selbst finden. Das hat bisher wunderbar funktioniert. Was nun kommt nenne ich die Phase der Tiefenentspannung, andere würden es wohl rösten nennen, denn die Sonne knallt hier wirklich unerbitterlich. Ich freue mich hier zu sein und ich freue mich, dass es mir hier so gut geht (mal von der Erkältung abgesehen). Aber ich freue mich auch (und oh staune, das hört man von mir selten) bald wieder daheim zu sein.

Es geht mir wirklich gut und ich glaube ich habe genügend Kraft getankt um so wieder eine Zeit lang Gas zu geben, darauf freue ich mich!

Besten Gruß von der agäischen Insel,

Andi

Lisa am Horizont

admin am 30. April 2010 um 01:23

Es ist später Herbst, eigentlich schon fast Winter, um meinem Haus steht ein Gerüst, auf diesem Gerüst stehe ich und schaue über den Hof in den Herbsthorizont. Er ist grau. So grau wie ich mich fühle. Ich habe mir angewöhnt hier draußen zu rauchen. So lange das Gerüst steht geht das wohl noch. Danach werde ich mir etwas anderes überlegen. Mir gefällt dieser Horizont, kaum vorstellbar, dass hinter all den Wolken und über all der kalten Luft klare, helle, warme Sonnenstrahlen sind. Aber danach ist mir auch nicht zumute. Es ist dieses Grau in Grau, dieses nicht hell, nicht dunkel, das mir gerade gefällt.
Irgendwie spiegelt dieser Horizont mich selbst wieder. Mal wieder bin ich Gedanken in der Vergangenheit. Heute habe ich eine Frau kennengelernt. Sie gefällt mir, sie ist süß, intelligent und steht mit beiden Beinen im Leben. Doch es ist immer das Selbe. Lerne ich eine Frau kennen, kommen unweigerlich diese Gedanken. Nicht gleich, nie in dem Moment. Immer erst wenn es anfängt zu dämmern. In Momenten wie Diesem. Wenn alles um mich herum grau scheint, das Licht abnimmt. Dann beginne auch ich mich grau zu fühlen. Ich kann mir nicht ausmalen wie ich gerade wirken muss. Nur ein Schatten meiner Selbst.
Wenn diese Gedanken kommen, dann denke ich zurück. Das mache ich aktiv. Die Gedanken hingegen kommen sehr passiv, unterschwellig, nicht herbeigerufen, außer vielleicht von meinem Unterbewusstsein. Ich denke Zurück, an die Zeit vor 9 Jahren. Unvorstellbar auch, dass es bald ein Jahrzehnt her ist. Unvorstellbar was sich in der Zeit alles verändert hat. Unvorstellbar, wie sehr ich mich verändert habe. Dennoch, ich stehe hier draußen, auf diesem wackeligen Gerüst, rauche und denke an die Zeit in der alles gut war. Ich lasse einen Zeitraum von über fünf Jahren in meinem Kopf Revue passieren. Ich denke nur an die guten Zeiten. Die Zeit, in der ich Ihr zusammen wahr. Der grauen Eminenz in meinem Leben. Ein Schatten der mich verfolgt. Bis heute. Bis in eine Zeit, in der ich mein Leben auf den Kopf gestellt habe, ich Veränderungen herbeigeführt, nein sogar forciert habe, in der ich mich ganz bewusst verändert und ganz unbewusst weiterentwickelt habe und doch lässt es mich nicht los.
Ich weiß inzwischen, dass ich noch fähig bin zu lieben und mich zu verlieben. All dies habe ich getan. Seitdem Demoiselle Gris weg ist. Und doch liegt ein Schatten auf mir. Immer sobald ich eine neue Frau kennenlerne. Seit nunmehr drei Jahren. Es waren lange drei Jahre. Drei Jahre in denen ich weggelaufen, widergekehrt und umgekehrt bin. Drei Jahre in denen ich gelernt habe Sie als einen Teil von mir zu akzeptieren und ich denen ich lernte, dass Sie immer ein Teil von mir sein wird.
Doch trotz all dem Gelernten, all der Veränderung, all der Akzeptanz stehe ich hier draußen auf dem Gerüst und wünsche sie mir zurück, obwohl ich weiß, dass ich nicht die heutige Demoiselle Gris liebe, das auch sie sich verändert haben wird. Das Sie nicht mehr die ist, die ich liebte. Also was will ich eigentlich zurück?
Ich rauche inzwischen meine dritte Zigarette, fülle meine Lungen mit Rauch und puste ihn der Welt entgegen. Das Licht um mich herum entschwindet. Meine Gedanken bleiben. Hier draußen bin ich ich, so verletzlich und verwirrt wie ich nur sein kann. Mir gefällt diese neue Frau und mir gefällt mein Leben. Ich kämpfe gegen meine Gedanken an. Ich kämpfe einen Kampf gegen meine Vergangenheit. Doch kann man diesen Kampf überhaupt gewinnen? Eine SMS ruft mich ins Leben zurück. “Hey Frank, komm rüber in Zweifall, warte dort!” schreibt mir Tom. Die grübeleien haben ein Ende. Ich steige durchs Fenster zurück in meine Wohnung. Im Zweifall kehre ich ein, wie in mein Wohnzimmer. Tom sitzt dort und grinst mir neckisch zu. Wie ich wohl gerade auf ihn wirken muss? Zehn minuten Fußweg liegen zwischen meiner Wohnung und dem Zweifall. Zehn Minuten in denen ich die Gedanken nicht verdrängen konnte, die ich schon seit Jahren versuche zumindest an den Rand meines Bewusstseins zu verbannen, an einen Ort in mir, an dem ich sie nicht wahr nehme.
Tom merkt, das mal wieder etwas nicht mit mir stimmt. Spricht mich aber Gott sei Dank nicht darauf an, sondern bestellt mir ein Becks. Es ist mein Lieblingsbier und trotzdem schmeckt es mir heute nicht. Das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass die Traditionsbrauerei aus dem Norden innerhalb der letzten zwei Wochen das brauen verlernt hat, sondern an meiner Stimmung. Ich habe gelernt, meine Gedanken, Sorgen und meine Traurigkeit nicht in Alkohol zu ertränken. Alkohol ist für mich ein Gefühlsverstärker. Bin ich melancholisch, werde ich dadurch nur noch melancholischer. Bin ich glücklich oder fröhlich, so macht mich ein gutes Bier noch glücklicher.
Aber was ist schon Glück? Glück ist nichts als ein Moment. Zufriedenheit die wahre Glückseeligkeit. Ich bestell mir einen Kaffee, schwarz wie meine Seele und bitter wie das Leben. Tom weiß was die Stunde geschlagen hat. Eigentlich wollte er hier fröhlich mit mir zusammen sitzen, quatschen, quatsch machen und wie immer neue Leute kennenlernen. Doch heute verzichtet er darauf, während ich die hälfte meines Kaffees trinke, leert er sein Bier und meins auch gleich. Packt unsere Jacken bezahlt und zieht mich aus dem Laden.
“Frank, ich weiß was mit dir los ist. Ich kenne das bereits von dir, ich hab da keinen Bock drauf. Nicht heute und in Zukunft auch nicht mehr!”. Wow, das ist mal eine klare Ansage. Tom zieht mich weiter, “wir gehen spazieren”. Während ich so neben ihm her laufe baut sich Wut in mir auf. Wie kann er nur so ignorant sein. Wie kann er mir das an den Kopf werfen. Da hätte er mir genauso gut einen Schlag auf die kurze Rippe geben - nicht dass er das nicht schonmal getan hätte. Eine Stunde lang wandern wir durch die Straßenschluchten unserer Stadt. Eine Stunde lang schweigen wir. Dann kommen wir wieder vor dem Zweifall an. Ich habe nicht gemerkt, dass wir im Kreis gelaufen sind.
Tom grinst mich wieder so neckisch an. “Na sauer auf mich?”, ich falle aus meinen Gedanken. “Ähm, äh, ja” stotter ich verwirrt. “Sehr gut, dann habe ich was ich wollte, einen Frank frei von Ihr deren Name nicht genannt werden darf”. - Diesen Namen hat er ihr lange nach der Trennung gegeben- “Nun lass uns wieder rein gehen und ein Bier trinken”. So einfach ist das also. Tom bestellt mir ein Becks, sich unser einheimisches Bier. Das Bier schmeckt mir köstlich. Es wird ein guter Abend. Ich denke nur noch sehr wenig an Demoiselle Gris, Tom merkt davon nichts mehr und ich habe sogar Spaß.
In den nächsten Tagen reiße ich mich zusammen. Treffe mich hin und wieder mit Lisa. Der Frau die ich gerade kennengelernt habe. Sie gefällt mir immer besser. Abends ist es immernoch ein Trauerspiel. Zu allem Überfluss wurde angekündigt, dass das Gerüst, mein Gerüst, abgebaut werden soll. Allerdings kommen die Gedanken nicht mehr in kausalität mit Lisa. Wir gehen Kaffee trinken. Ins Kino. An der Kinokasse streiten wir uns, weil sie in nen Actionfilm möchte, ich in die Romantikkomödie. Verkehrte Welt. Wir gehen zusammen ins Zweifall. Natürlich ist Tom da. Als er mich mit Lisa sieht bekomme ich nicht nur ein neckisches Grinsen sondern auch ein verschmitztes Zwinkern. An diesem Abend denke ich nicht an Demoiselle Gris. In der Nacht als sich Lisa und ich uns verabschieden, wander ich mal nicht benommen heim. In meiner Wohnung warten keine Schatten auf mich. Stattdessen nehme ich mein Handy heraus und wünsche Lisa per SMS nochmal eine gute Nacht und lege mich mit einem gutem Gefühl schlafen ohne zu wissen was mich am nächsten Tag erwartet.
Als ich wieder zu mir komme ist noch alles gut, sehr gut sogar, ich fühle mich frisch, was ungewöhnlich ist, wenn man unter der Woche Nachts um zwei aus der Kneipe kommt, Lisa eine halbe Stunde zu Fuß heim bringt und dann feststellt, dass sie in der entgegengesetzten Richtung vom Zweifall wohnt und man also mindestens vierzig Minuten bis zu Hause braucht und man um sechs Uhr wieder aufstehen muss. Wie auch immer, ich fühle mich frisch. Mache mich fertig und fahre zur Arbeit.
Als ich heim komme regnet es. Vom Auto bis zur Haustür bin ich kletschnass. Oben angekommen friere ich. Als ich die Tür öffne wird es gefühlt nochmal zwei Grad kühler. Die Schatten sind wieder da und sie fallen mich an. An diesem Abend bin ich zu nichts in der Lage. Eigentlich hätte ich mit Tom und noch ein paar Freunden essen gehen sollen. Ich sage nichtmal ab. Ich gehe nicht ans Telefon, reagiere nicht auf SMS, weder bei Tom, noch bei Lisa. Ich sitze zwei Stunden nur so da, in meinem Sessel im Flur, am Fenster zum Gerüst und bin wieder voll und ganz von Demoiselle Gris gefangen. Sogar meine nassen Klamotten habe ich noch an. Irgendwann schlafe ich genau so wie ich dort sitze ein. Ich weiß nicht mehr wann das war. Die Nacht war schon schwarz und meine Gedanken nicht mehr sortierbar. An diesem Abend bin ich nicht mehr aus dem Sessel aufgestanden. Habe weder getrunken noch gegessen. Nichtmal meine innere Uhr weckt mich in den neuen Tag.
Als ich aufwache und realisiere, dass es bereits hell draußen ist, sogar die Sonne scheint gerate ich in Panik. Meine Kleidung ist nicht mehr nass. Meine Panik treibt mich an. In Rekordgeschwindigkeit dusche ich, putze mir die Zähne und ziehe mir frische Kleidung an, hechte runter zum Auto, starte den Motor und schaue wie immer bevor ich los fahre kurz auf das Display mit der Uhr. Es ist Samstag. All die Panik umsonst. Aber gut, wenn ich nun schonmal hier bin, im Wagen sitze und der Motor sogar schon läuft, dann kann ich auch einen Kaffee trinken gehen und wie mir mein Magen signalisiert auch etwas essen. Ich fahre in ein kleine Café, eine Fahrt die eigentlich nicht lohnt, da es nicht so weit ist. Ich bestelle an der Theke und suche mir einen Tisch. Ich bin alleine in dem Café, trotzdem brauch die Bedienung gefühlte Ewigkeiten mir meine zwei Brötchen und meinen Kaffee zu bringen. Ich zücke mein Handy und stelle mit Erschrecken fest, dass ich achtunddreißig Anrufe in Abwesenheit und zwölf SMS habe. Die Anrufe sind nicht nur von Tom und Lisa sondern auch von meinen Eltern. Die SMS teilen sich mit sieben von Tom wo “Wo bleibst du Arsch wir haben hunger” noch die Freundlichste ist, vier sind von Lisa, sie fragt was ich mache, dann fragt sie warum ich nicht antworte, in der letzten schreibt sie, das sie das jetzt ziemlich doof von mir findet. Die zwölfte SMS ist von meiner Mama “Junge, was ist los bei dir? Wir machen uns Sorgen”. Mit “wir” schließt sie Tom mit ein. Der Arsch macht sich also doch Sorgen.
Ich schreibe allen zurück. Entschuldige mich. Lisa schreibe ich, dass ich sie heute noch sehen möchte. Ich trinke meinen Kaffee und überforder die Bedienung komplett, als ich mit den beiden Brötchen wieder zurück zur Theke gehe und sie mir einpacken lassen möchte. Ich habe das dringende Bedürfnis wieder heim zu spazieren. Den Wagen lasse ich am Café stehen.
In meiner Wohnung warten keine Schatten auf mich. Die Wohnung ist hell und freundlich. Ich setze mir Tee auf, genieße meine Brötchen und lege mich nochmal schlafen. Als ich einigen Stunden später aufwache habe ich wieder drei SMS, Tom schreibt nur “Arschloch”. Er freut sich also, dass ich noch lebe. Meine Mami schreibt, dass ich mit meinen Sorgen immer zu ihr kommen könnte. Lisa ist froh, dass ich wohl aufgewacht bin und dass ich sie sehen möchte. Nach einer zweiten Dusche an diesem Tag fahre ich zu ihr.
Was jetzt kommt ist nicht einfach für mich. Irgendwie will ich ihr alles erklären. Ohne ihr vor den Kopf zu stoßen. Ich will sie nicht verlieren. Auch wenn ich sie eigentlich noch gar nicht habe. Ich klingel und bekomme kalte Hände. Als sie mir öffnet, lächelt sie mich so wunderbar an, dass mir ganz warm wird. Fast lege ich meinen Plan ad acta. Ich will ihr nicht von meinem Problem erzählen. Sie bittet mich rein und macht mir Tee. Ich setze mich an den Küchentisch. Als sie mir meine Tasse hinstellt, sind meine Hände wieder kalt. Sie setzt sich mir gegenüber. Ich lege meine Hände um die Tasse und führe sie zum Mund, so als wollte ich den Tee zum abkühlen anpusten. Über den Tassenrand hinweg schaue ich Lisa in ihre strahlenden Augen. Sie freut sich ehrlich, dass ich da bin.
“Lisa, ich muss dir etwas erzählen über mich…” beginne ich. Ihr strahlen trübt sich. Ich erzähle ihr alles. Alles über Demoiselle Gris - auch sie kommt schnell auf die Bezeichnung “sie dessen Name nicht genannt werden darf” - wie es mir seit dem Danach erging. Ich erzähle ihr von meinen Gedanken und ich erzähle ihr was gestern wirklich war. Am Ende erzähle ich ihr, dass es mir seitdem ich sie kenne immer besser damit geht. Das ich wieder Farbe bekomme. Zum Ende haben wir beide Tränen in den Augen. Als ich sage, dass ich fertig bin mit meiner Geschichte, beugt sie sich über ihren Tisch zu mir rüber und küsst mich, zum ersten mal. In diesem Moment geht ein zweites Mal für mich an diesem Tag die Sonne auf.
Ein halbes Jahr später, es ist Frühling, steht mein Gerüst ums Haus immernoch. Es ist ein Samstag morgen und alles ist grün. Ich stehe mit einer Tasse Tee auf meinem Gerüst, ohne Zigarette, als es neben mir poltert. Lisa kommt zu mir auf das Gerüst und stellt sich zu mir und fragt “bist du dir sicher, dass diesen Ausblick aufgeben willst?”. Wir haben meine Schatten besiegt. Heute ziehen wir zusammen. In der neuen Wohnung brauche ich kein Gerüst. Dort gibt es keine Schatten. Und wenn doch, habe ich dort einen Balkon und Lisa.

beste Zeit unseres Lebens

admin am 8. Dezember 2009 um 13:21

Ich stehe in meinem Wohnzimmer, schaue auf die Straße, sie ist nass, die Bäume haben schon lange ihre Blätter verloren und die Menschen laufen zugeknöpft, mit Schirm und fahlen Gesichtern rum. Ich werde melancholisch, denke an den Sommer zurück, diesen Sommer und an einige Sommer davor. Ich erinner mich, als wäre es gestern gewesen, wie wir nach unserem Abschluss noch mal alle gemeinsam unseren Sommer genossen. Jeden Tag ins Freibad, jeden Abend wo anders eine Party, jeden Tag nochmal neue Leute kennengelernt. Ein paar Sommer später, ich im Italienurlaub, mit der Frau, so dachte ich damals, meines Lebens, guter Wein, gutes Essen, gutes Wetter, das Meer, die Wellen, die an den Strand schlagen und sich wieder zurück ziehen und dann wieder dagegen schlagen und sich wieder zurück ziehen. Der letzte Sommer, Europameisterschaft, Public Viewing, gutes Wetter, gute Musik, gute Leute, schöne Frauen. Das kommt alles so nicht mehr wieder, denke ich mir. Ich hole eine Zigarette aus der Hosentasche und zünde diese an. Schwelge in Erinnerungen. Stehe da an meinem Fenster und denke über mich nach. Ich fühle nichts, bin nicht traurig, dass das alles vorbei ist, bin nicht sauer, dass ich verlassen wurde, bin nicht enttäuscht das sich so viele Wege getrennt haben. Mein Kopf ist leer, dafür ist er nicht so schwer wie sonst. Ich atme ein, ich atme aus. Die Gedanken verschlingen mich. Ich denke an meine Freunde, jene die jetzt da sind, diese die waren. Frage mich, wo mich das Leben noch hinführt. Ich fühle mich frei, ich bin zufrieden.
<p>Mein Handy klingelt, ein Freund ist dran, einer aus dem Jetzt. Er fragt mich ob wir noch in eine Kneipe gehen, nen Bierchen trinken, Spaß haben und neue Leute kennenlernen. Ich sage ja, schnappe meinen Schlüssel und gehe los. Gehe unterwegs noch was essen, gehe in die etwas schummrige typische Studentenkneipe, treffe meinen Freund und noch einige andere Menschen die ich kenne. Ich atme ein, ich atme aus. Ich lächle und denke mir: “Es ist nicht schlimm, das man mit Vielen getrennte Wege geht, es ist nicht schlimm, das diese Sommer nie mehr wieder kommen, es ist einfach nicht schlimm. Es kommen neue Sommer und der Winter ist ja auch gar nicht so schlecht. Jetzt sind die guten Tage, an die ich mich im Lauf der Jahre erinnern werde.”

Monika

admin am 12. November 2009 um 00:35

Als ich zu mir komme, ist es draußen schon dunkel. Ich weiß nicht so recht wo ich bin, aber alles kommt mir so vertraut und bekannt vor. Ich fühle mich heimisch, so als wäre ich schon immer hier. So als gehörte ich hier hin. Ich sehe meinen Rechner, und ich sehe meine Skates. Kurz denke ich mir noch, dass ich ja schon ziemlich lang nicht mehr gefahren bin und ergebe mich der Umgebung, sehe ein, dass wenn mir hier alles so bekannt vor kommt und die mir wichtigen Dinge hier sind, dann bin ich wohl daheim und das ich es nicht genau zuordnen kann, mir es gar seltsam vorkommt, liegt wohl daran, dass ich a.) im Arbeitszimmer bin und b.) doch noch sehr schlaftrunken bin. Anscheinend bin ich hier auf der Couch eingeschlafen. Anscheinend habe ich ziemlich wirres Zeug geträumt und anscheinend habe ich mal wieder zu lange gearbeitet.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gleich neun ist. Am Abend versteht sich. Ich schnalle mir meine Skates an und mache mich auf den Weg. Anscheinend bin ich noch verwirrter als ich dachte. Es ist dunkel, es ist neun, es ist arschkalt und auch draußen kommt mir die Welt wieder nur zu vertraut vor. Ich realisiere, dass ich die Gegend schon mein Leben lang kenne, dass ich hier ziemlich viel unterwegs war, dass ich jede Straße kenne und schiebe dieses Gefühl der Fremde wieder auf meine Schlaftrunkenheit und eine vorübergehende Verwirrtheit. Ich komme an einer mir bekannten Siedlung vorbei. Hier weiß ich gibt es eine menge Treppen. “Dort kann ich grinden”, denke ich und weiß ich. Ich fahre in die Siedlung, fahre auf die nächsten Stufen zu und erkenne, dass die Geländer abgeschraubt sind. Ich denke mir noch “Alex, ohne Geländer grindest du dort nicht!”, doch kaum habe ich diesen Satz zu Ende gedacht springe ich, ich fliege auf die gezogenen Treppen zu und setze daran zu einem technisch sauberen Soul Grind an. Ich rutsche ca. vier Meter die Treppe entlang und steige mit einem one-eighty aus dem Grind aus. “Wow” denke ich mir, “anscheinend bist doch nicht so aus der Übung wie du dachtest”, als ich mir die Treppe noch einmal genauer anschaue.

Ich bin nass geschwitzt, aber ich fühle mich unheimlich wohl. Ich bin außer Atem, aber nicht so sehr, dass ich nicht noch weiter fahren könnte. Meine Skates sitzen wie eh und je und ich fühle mich 10kg leichter als sonst. Ich merke, es ist ein wirklich guter Tag. Oder ein guter Abend. Doch es zieht mich weiter. Mir fällt ein, dass ich für meine Firma noch einige Rechnungen schreiben muss, am nächsten Tag eine Deadline für ein Update eines Programms habe noch einige Mails kontrollieren wollte. Ja für meine Firma. Doch ich fahre nicht wieder heim, oder dahin wo ich hergekommen bin. Ein unbestimmtes Gefühl zieht mich in eine andere Richtung. Ich fahre ein Stück die Straße entlang und komme auf den Hof eines kleinen Wohncarrés, hier weiß ich wohnt meine Tante. Aber noch eins weiß ich. Gleich hier gegenüber wohnt mein bester Freund und zwar bei seinen Eltern. Mit ihm habe ich meine Firma gegründet. Mit ihm bin ich erfolgreich. Er wird verstehen, dass ich Nachts um zwölf noch bei ihm auftauche, weil mir noch Deadlines und Rechnungen eingefallen sind. Ich klappe den Briefkastenschlitz hoch und reiße den mit Tesafilm befestigten Ersatzschlüssel ab. Im Hausflur entledige ich mich meiner Skates und springe die Treppen bis in die zweite Etage hinauf.

Als ich die Wohnung betrete weiß ich wo ich lang muss. Anscheinend hat mich das Adrenalin vom Skaten doch nicht so wach gemacht, denn noch immer fühle ich mich verwirrt und irgendwie ist auch alles noch ein bischen Fremd. Dennoch weiß ich, dass ich hier richtig bin. Im Wohnzimmer läuft noch der Fernseher. Also gehe ich Micha’s Eltern noch nen schönen Abend wünschen. Ich weiß, dass Michas Papa und mein Papa damals zusammen gearbeitet haben, sie sind gut befreundet und beide sind sie relativ erfolgreich. Doch irgendetwas nagt an mir. So Pflicht erfüllt. Ich haben nen guten Abend gewünscht. Nun kann ich hoch auf den Dachboden. In unsere “Firmenzentrale”. Hier hat alles begonnen. Kurz nachdem wir das Abitur abgeschlossen haben, haben wir, also Micha und ich, ein Gewerbe angemeldet. Davor hatten wir “den besten Sommer unseres Lebens”. Wir haben jede Nacht durch programmiert. Tagsüber hingen wir im Freibad und haben mit Frauen geflirtet, Musik gehört, Spaß gehabt. Nachts wieder programmiert oder Musik gemacht. Es war toll.
Kurz bevor unsere Studiensemester begannen hatten wir ein tolles Programm fertig und dachten uns, dass wir es verkaufen könnten. Heute haben wir 15 Mitarbeiter. Micha kümmert sich um die technischen Abläufe. Ich kümmer mich um das Kommerzielle und programmiere wenn ich Zeit habe mit und habe ein kleines Tool, dass ich ganz alleine technisch betreue. Ich öffne die Dachluke und lasse die Leiter herunter. Ich kletter die Leiter hoch und bin erstaunt. Nicht nur, dass Micha noch hier oben ist und am PC arbeitet finde ich komisch, noch komischer finde ich, dass Monika hier oben liegt. Sie ist auf unserer Couch und schaut mit halb geschlossenen Augen fern. Micha und Monika sind Zwillinge. Micha war schon immer mein bester Freund. Monika ist demnach sowas wie eine Schwester für mich. Ich liebe sie. Wie meine Schwester halt. Nach dem Abi ist sie nach Stuttgart, um dort Kunstgeschichte zu studieren. Jahrelang habe ich sie nur zu Weihnachten, Ostern und den Geburtstagen ihrer Eltern gesehen. Und als wir unser erstes eigenes wirkliches Büro eröffneten. Irgendwann brachte sie Christian mit. Ihren Freund. Es war schon komisch, sie mit einem Freund zu sehen. Andererseits, auch ich hatte Freundinnen. All das weiß ich. Obwohl da irgendwas im Hinterkopf brodelt. Irgendwas sagt mir, dass hier etwas faul ist.

Nun liegt sie da, mit nem dicken Bauch, aber immernoch so wunderschön wie immer. Jetzt gerade empfinde ich so viel Zuneigung zu ihr. Doch ich werde aus dieser Situation gerissen, als Micha mich anspricht.
“Alex, was machst du denn hier?”
“Mir ist noch ne Deadline und ein paar Rechnungen eingefallen, außerdem habe ich anscheinend mal wieder den halben Tag verpennt”
“Das nimmt kein gutes Ende mit dir, nimm dich bitte etwas zurück, der Erfolg ist nicht alles!”
“Jaja gewäsch, hast du gerade nen Rechner für mich?”
“Nen Rechner, hmmm, klar, dein altes Notebook liegt noch hier im Rollcontainer.”
“Super, hauptsache ich komme auf meine Workstation daheim”

Ich nehme mein Notebook aus dem Rollcontainer, schmeiße es an und fühle mich wie früher, als wir noch hier oben gefrickelt haben. Doch warum kommt es mir so unwirklich vor?

“Hi Monika, wie geht es dir?” begrüße ich nun auch endlich Micha’s Schwester. Ich weiß, dass Christian sie verlassen hat und sie mit dem Kind alleine lässt. Sie will es dennoch, dafür liebe ich sie, meine Unterstützung hat sie. Weiß ich, anscheinend.
“Hi Alex, abgesehen davon, dass ich wieder bei meinen Eltern wohne, geht es mir recht gut.”
“Alex, ich wollt mir mal nen Bier holen, wollst du auch eins?” schaltet sich Micha wieder ein.
“Äh, jaja klar, danke” stotter ich irritiert, irgendwie habe ich mich gerade in Monikas Augen verloren.

Alex klettert die Leiter runter, die ich noch nicht wieder hoch gezogen habe. Monika und ich sind allein auf dem Dachboden. Wir unterhalten uns ein bischen. Sie macht sich darüber lustig, dass mir die Haare allmählich ausgehen. Ich verspreche ihr, dass sobald ihr Kind mehr Haare auf dem Kopf hat als ich, ich mir ne Glatze mache. Sie steht auf, ist dabei sichtlich bemüht. Sie ist so wunderschön. Sie kommt zu mir rüber, um sich meine Pläte anzuschauen. Sie beugt sich runter zu mir und betrachtet sich meine übriggebliebene Haarpracht von oben, während ich dort auf meinem alten Schreibtischstuhl sitze. Ich hebe meinen Kopf, um ihr in die Augen zu sehen. Wir zwei alleine auf diesem Dachboden. Unsere Gesichter nähern sich. Unsere Lippen berühren sich. Tausende Gedanken die durch meinen Kopf jagen. Wir küssen uns, sanft, innig, lang, ohne Zunge, nicht wie Geschwister, nicht wie Freunde, romantisch. Mir macht es nichts aus, dass sie ein Kind erwartet. Mir macht es nichts aus, dass sie die Schwester meines besten Freundes ist, in diesem Moment weiß ich, ich liebe sie. Dieser Moment hält ewig und doch nur ein paar Sekunden.










Ich falle.





Alles schwarz um mich herum.






Ich wache auf. Blicke mich um. Ich weiß wo ich bin. Keine Skates in der Nähe. Nicht diese seltsame Vertrautheit. Keine Monika in der Nähe. Kein Micha in der Nähe. Nur mein Schlafzimmer. Der Wecker zeigt 6 Uhr morgens an. Ich merke, ich habe alles nur geträumt, das war dieses seltsame Gefühl die gesamte Zeit über. Ich rolle mich aus dem Bett, fühle mich 15kg schwerer. Ich gehe ins Bad und fühle mich fahler. Ich ziehe mich an, mache mir einen Kaffee. Öffne ein Fenster und springe.







Ich falle.






Alles schwarz um mich herum.









Ich wache auf. Ich habe einen guten Geruch in der Nase. Meine Skates in der Nähe. Monika im Arm und eine Pauline in Sichtweite.

Ein Leben das zu Ende ging

admin am 8. September 2009 um 20:00

um ein neues zu beginnen.

Fünf Jahre, drei Monate, zwölf Tage.

Diese Zahlen schwirren Frank schon seit Tagen im Kopf rum. Sie sind morgens um elf schon mehrfach bedeutend für ihn. Sie könnten gerade auch fünf Kg verloren, drei mal gekotzt, zwölf Kippen geraucht bedeuten. Tun sie aber nicht. Fünf, drei, zwölf. Das sind die Kennzahlen für die Beziehung die gerade in die Brüche ging und das mit gerade einundzwanzig.
Kein Wunder, dass Frank in ein tiefes Loch gefallen ist. Kennzahlen sind auch zwei, dreißig, null, zehn. Diese bedeuten aber etwas anderes. In etwa: Zwei Stunden schlaf pro Nacht, dreißig Kippen am Tag, null Nahrung und zehn Bier. “Ganz schön weit unten” denkt sich Frank. Und das ist er auch. Immerhin hat er seine Arbeit. Hier kann er sich vergraben und hat eine gute Ausrede nicht heim zu fahren. Da wo ihn alles an Manu erinnert. Manu so hieß seine Freundin, heißt sie heute noch, ist aber eben nicht mehr seine Freundin.
Seit der Trennung vor einem Monat schläft Frank nicht mehr, er trinkt jeden Abend und noch mehr. Häufiger hat er nun schon auf dem Geländer seines, zur ein-Zimmer-Wohnung gehörenden, Balkons gestanden. Letztlich doch immer zu feige sich fallen zu lassen. Nach wie vor hat sich Frank nicht daran gewöhnt heim zu kommen und sie nicht zu sehen. Nicht für sie zu kochen, nicht für sie da zu sein. Ihre Ideale haben sich geändert. Ihre Ziele. Ihre Wünsche. In über fünf Jahren haben sie sich nach einer Phase des Zusammenwachsens irgendwann wieder auseinander gelebt. Doch wann fing das an? Nachdem sie ihn betrogen hat? Nachdem sie mit der Ausbildung fertig war? Nachdem er anfing zwölf Stunden am Tag zu arbeiten? Was hatte er denn für eine Wahl? Er musste die Wohnung bezahlen, die Einkäufe, das Telefon. Alles von seinem Auszubildenengehalt. Nun arbeitet er richtig. Nun hätte alles wieder besser werden können. Stattdessen ist nun alles aus. Und genau so fühlt sich Frank auch.
Er kann sich einfach nicht vorstellen wieder in geordnetetn Bahnen zu leben, wieder zu lieben, ja wieder richtig zu leben. Er hat nicht den Willen dazu. Er arbeitet nun doch wieder zwölf Stunden am Tag und wenn er heim kommt arbeitet er weiter. Das ist es woran er sich festhält. Das Zimmer immer halbdunkel, immer ein seichter Nikotindunst im Raum und nur das fahle Leuchten der Computerbildschirme. Ein Dämmerzustand. Im Hintergrund immer die selbe Musik. Musikalisch melancholisch ernährt durch Shivaree und Tori Amos. Jeden Abend die selben Tränen.
Tagsüber versucht er sich nichts anmerken zu lassen. Da ist er auf der Arbeit. Dort gehören diese Gefühle nicht hin. Dort verteilt er plumpe Sprüche, sein Wissen, wenig Charme aber viel Leistung. Die Arbeit ist sein soziales Netz ohne doppelten Boden. Freundschaften gibt es hier kaum welche.
So ziehen zwei weitere Monate ins Land. Langsam isst Frank wieder. Die Haare sind länger geworden. Dafür aber auch wieder gestylter. Gut geht es ihm noch lange nicht. Nach wie vor raucht er zu viel. Nach wie vor arbeitet er sehr lange. Nach wie vor fließen ihm jeden Abend die Tränen und geschlafen wird immernoch nicht. Aber es geht bergauf. Frank hat sich vorgenommen, dass er wenn er die Kraft nicht hat, das Leben zu beenden, er doch zumindest die Kraft haben sollte es wieder zu ändern. Diese Entscheidung gefällt ihm von Tag zu Tag auch besser. Von Tag zu Tag schöpft er mehr Kraft. Nun weiß er, was gestärkt aus einer Krise hervorgehen bedeutet. Seine Einstellung hat sich geändert. Er geht wieder in die Natur, findet dort seinen Ruhepol für einen sonst rastlosen Geist. Obwohl es kalt ist legt er sich mitten in den Wald und atmet ganz tief ein. Tankt so die Energie die er braucht. Frank hat einen Weg für sich gefunden wieder auf die Beine zu kommen, ganz langsam und Schritt für Schritt.
Eines Tages, Frank kommt gerade im Büro an und hat sich gleich einen Kaffee mitgebracht, begibt es sich, dass sein Schreibtisch bereits belegt ist. “Scheiß Mobildesk-Policy” denkt sich Frank noch und spricht die Person an seinem Schreibtisch an. Claudia vergeht sich da an seinem Schreibtisch und benutzt sogar sein geliebtes Mousepad (wohl gemerkt ein ganz besonderes). Sie stellt sich ihm vor. Sie würde ein Praktikum in der Abteilung machen. “Immer diese Studenten”. Doch sie hat so ein freundliches Gesicht und so ein lächeln, dass Frank ihr nicht böse sein kann. Er bittet sie nur, sich am nächsten Tag einen anderen Platz zu suchen und begibt sich selbst auf die Suche, nach einen Platz für heute.

Frank und Claudia kommen immer häufiger ins Gespräch. Nicht das Frank wirklich mehr für sie empfinden würde. Er mag sie, als eine Freundin. Sie ist aufgeschlossen, offen und nett. Für mehr hätte Frank sowieso keinen Kopf. Aber wie das so ist, kommt Frank dennoch irgendwann an einen Punkt, an dem er mehr für sie empfindet. Just einen Tag später erfährt er, wie der Zufall das so will, dass sich ihr Freund von Claudia getrennt hat. Frank denkt nicht lange nach. Er ist jetzt für Claudia da, ganz uneigennützig. Er kennt dieses Gefühl. Viel zu frisch sind noch seine Wunden. Er versucht sie aufzubauen, ab zu lenken, kocht für sie, bringt sie sogar zu seinem Ruhepol. Inzwischen ist es Sommer, alles blüht und ist noch schöner. Langsam verblassen die romantischen Gefühle für Claudia wieder in Frank. An deren Stelle treten platonische oder gar brüderliche Zuneigung. Das ist gut so, denn bereit wären sie beide nicht für etwas Neues. Doch so kommt es, dass Frank sich noch schneller erholt. Die Tragödie von Claudia und das ihr beistehen lenken ihn von seinen Schmerzen ab. Und Claudia fällt erst gar nicht so tief, wie Frank es tat. Die beide Leben von einander und so beginnt für Frank ein neues Leben.